Seit dem 22. Januar 2026 wird in Deutschland Momentanreserve erstmals marktlich beschafft. Was bisher Kohle- und Gaskraftwerke durch ihre rotierenden Massen kostenlos lieferten, ist jetzt ein bezahltes Produkt — und Batteriespeicher können mitmachen. Die potenziellen Zusatzerlöse sind erheblich: Bis zu 27.000 EUR pro MW Netzanschlussleistung und Jahr. Ein neues Erlösfeld, das unseren Marktüberblick um eine weitere Dimension erweitert.
Was ist Momentanreserve?
Momentanreserve ist eine Systemdienstleistung, die innerhalb von Millisekunden bis 30 Sekunden auf Frequenzabweichungen im Stromnetz reagiert. Wenn ein Kraftwerk plötzlich ausfällt oder ein großer Verbraucher abgeschaltet wird, schwankt die Netzfrequenz (50 Hz). Momentanreserve fängt diese Schwankung in der allerersten Phase auf — noch bevor die klassische Primärregelleistung (FCR) eingreift.
Bisher lieferten konventionelle Kraftwerke diese Leistung kostenlos durch die physische Trägheit ihrer rotierenden Generatoren. Mit dem Kohle- und Atomausstieg verschwindet diese natürliche Trägheit. Die Lösung: Synthetische Trägheit aus Batteriespeichern mit sogenannten Grid-Forming-Wechselrichtern.
Das Marktdesign
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (Amprion, 50Hertz, TenneT, TransnetBW) haben gemeinsam ein Marktmodell entwickelt:
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Start | 22. Januar 2026 |
| Erste Festpreisperiode | 22.01.2026 bis 21.01.2028 |
| Festpreise | 76 bis 888,50 EUR/MWs/Jahr |
| Produkte | Basis (30% Verfügbarkeit) + Premium (90% Verfügbarkeit) |
| Richtungen | Positiv (Einspeisung) + Negativ (Entnahme) |
| Vertragsdauer | 2 bis 10 Jahre (Anbieter wählt) |
| Angebotsverfahren | Kontinuierlich — jederzeit Angebote möglich |
Festpreise statt Auktionen
Anders als bei FCR oder aFRR gibt es keine wöchentlichen Auktionen. Die ÜNBs setzen Festpreise, und Anbieter können jederzeit Verträge abschließen. Wer früh einsteigt, sichert sich den aktuellen Preis für bis zu 10 Jahre. Dieses Modell reduziert das Preisrisiko erheblich.
Erlöspotenzial für Batteriespeicher
Die konkreten Erlöse hängen davon ab, wie viel Wechselrichter-Kapazität ein Speicher für Momentanreserve bereitstellen kann. Ein Rechenbeispiel:
100-MW-Speicher mit 120-MW-Wechselrichter:
- Die 20 MW "Überkapazität" des Wechselrichters können für Momentanreserve genutzt werden
- Zusätzlich können freie Leistungskapazitäten im laufenden Betrieb vermarktet werden
- Geschätzter Jahreserlös: 2,4 bis 2,7 Millionen EUR
Bescheidener Energiebedarf: Überraschend gering ist der tatsächliche Energieeinsatz. Ein 100-MW/100-MWh-Speicher benötigt für Momentanreserve nur rund 35 kWh Reserve — ein Bruchteil der Gesamtkapazität.
Die Hürde: Grid-Forming-Wechselrichter
Um am Momentanreserve-Markt teilzunehmen, benötigen Batteriespeicher Grid-Forming-Wechselrichter — Geräte, die nicht nur auf das Netz reagieren, sondern es aktiv stützen können. Stand Februar 2026 hatte noch kein Anbieter die volle Präqualifikation für Momentanreserve abgeschlossen.
Das bedeutet: Der Markt ist da, die Preise stehen, aber die Teilnehmer müssen noch technisch nachrüsten. Experten erwarten die ersten präqualifizierten Speicher im zweiten Halbjahr 2026.
Vorsicht bei voreiligen Renditeversprechen
Wenn ein Anbieter heute mit Erlösen aus Momentanreserve kalkuliert, fragen Sie nach: Ist der Speicher bereits mit Grid-Forming-Wechselrichtern ausgestattet? Liegt die Präqualifikation vor? Solange beides nicht der Fall ist, sind Momentanreserve-Erlöse reine Zukunftsmusik — und gehören nicht in eine konservative Renditekalkulation.
Einordnung: Ein weiterer Baustein
Momentanreserve wird die Regelenergie-Märkte nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. Für Speicher, die bereits am FCR- und aFRR-Markt teilnehmen, ist es ein zusätzlicher Erlöspfad, der die Diversifizierung der Einnahmen weiter verbessert. Langfristig könnten Speicher an vier parallelen Märkten verdienen: Arbitrage + FCR + aFRR + Momentanreserve.
Mehr zu den Erlösquellen von Batteriespeichern in unserem Grundwissen-Hub.
