Die LEAG-Gruppe baut in der Lausitz eines der größten Batteriespeicher-Cluster Europas auf: 1,4 GW Leistung und 5,6 GWh Kapazität an zwei Standorten. Doch hinter den Bauplänen steht ein regulatorisches Risiko, das der Konzern selbst öffentlich adressiert — die Frage, ob die Netzentgeltbefreiung nach §118 Abs. 6 EnWG Bestand hat.
Die Pipeline: zwei GigaBatteries in der Lausitz
Im November 2025 hat die LEAG Clean Power GmbH — die 2025 ausgegründete Tochter für Speicher- und EE-Projekte — zwei Großverträge unterzeichnet. Am 6. November ging der Liefervertrag für die GigaBattery Jänschwalde 1000 an die Fluence Energy GmbH (JV Siemens Energy + AES). Am 18. November folgte der EPC-Vertrag für die GigaBattery Boxberg 400 mit HyperStrong International (Germany) GmbH.
| Projekt | Leistung / Kapazität | Standort | Technologie-Partner |
|---|---|---|---|
| GigaBattery Jänschwalde 1000 | 1.000 MW / 4.000 MWh | südöstlich Kraftwerk Jänschwalde (ca. 10 ha) | Fluence Smartstack (LFP) |
| GigaBattery Boxberg 400 | 400 MW / 1.600 MWh | Kraftwerksgelände Boxberg (ca. 6 ha) | HyperStrong HyperBlock III (LFP) |
| Pipeline-Summe (GigaBatteries) | 1.400 MW / 5.600 MWh | Lausitz | Vier-Stunden-Speicher |
| Bestand am Cluster (BigBatteries) | 100 MW / 137 MWh + 54 MWh | Boxberg + Schwarze Pumpe | In Betrieb / Errichtung |
Beide GigaBatteries setzen auf LFP-Zellen in modularen Container-Systemen und werden über 380-kV-Schaltanlagen von Siemens Energy ans Übertragungsnetz angebunden. Bei Boxberg fließt Fördergeld aus dem EU-Just-Transition-Fund.
Vier-Stunden-Speicher als Architektur-Entscheidung
Beide Projekte sind als Vier-Stunden-Speicher ausgelegt — Kapazität zu Leistung im Verhältnis 4:1. Das ist ein klares Signal für den Vermarktungsfokus: Arbitrage über mehrstündige Preisspreads am Day-Ahead- und Intraday-Markt, nicht primär kurzfristige Regelleistung. Die GigaBattery Jänschwalde könnte rechnerisch rund 1,6 Millionen Haushalte für vier Stunden versorgen.
Der Zeitplan: was LEAG offiziell sagt
LEAG kommuniziert für beide GigaBatteries einen dreistufigen Bauzeitplan, der nach aktueller Datenlage unverändert gilt:
- Januar 2026: Einreichung der Baugenehmigungsanträge in Brandenburg und Sachsen
- Sommer 2026: Baubeginn nach Abschluss des Genehmigungsverfahrens (Grundsteinlegung laut LEAG-Sprecher voraussichtlich Mai oder Juni)
- Ende 2027 bis Anfang 2028: Inbetriebnahme beider Anlagen
Wichtig zur Einordnung: In den Pressemitteilungen vom 6. und 18. November 2025 nennt LEAG keine konkreten Inbetriebnahme-Termine. Der Korridor "Ende 2027 / Anfang 2028" stammt aus der englischsprachigen Projektseite und einer Sprecher-Aussage, die Fluence in seiner Investor-Mitteilung am 6. November 2025 wiedergegeben hat. Eine offizielle Terminverschiebung hat LEAG nicht ausgewiesen.
Das regulatorische Risiko: die Gemeinsame Erklärung vom 19.02.2026
Während die Bauplanung läuft, hat LEAG institutionell eine deutliche Warnung an die Bundesnetzagentur ausgesprochen. Am 19. Februar 2026 unterzeichnete der Konzern als Mit-Initiator die "Gemeinsame Erklärung — ohne Vertrauensschutz für Speicher keine notwendigen Milliardeninvestitionen". Was als Initiative von zehn Speicherprojektierern begann, hat inzwischen über 150 Unternehmen versammelt.
Im Zentrum steht das AgNes-Verfahren der BNetzA zur Behandlung der Netzentgeltbefreiung nach §118 Abs. 6 EnWG — der Regelung, die Speicher mit Inbetriebnahme bis 4. August 2029 für 20 Jahre von Netzentgelten freistellt. Sollte die BNetzA diese Befreiung auch für bereits realisierte oder in Realisierung befindliche Projekte aufheben, drohen nach Branchenkalkulation bis zu 16 GW Speicherprojekte bundesweit, ihre Wirtschaftlichkeit zu verlieren.
LEAG benennt das Problem direkt: "Mit dem Plan, alle Speicher mit Netzentgelten — zudem in unbekannter Art und Höhe — zu belasten, wird bei einer Vielzahl bestehender, in Realisierung befindlicher und projektierter Speicher nachträglich in die Geschäftsgrundlage eingegriffen."
Regulatorische Unsicherheit ohne LEAG-Verzögerungsbestätigung
LEAG hat nicht öffentlich erklärt, dass die GigaBatteries Jänschwalde oder Boxberg konkret verzögert werden. Die Pressemitteilungen vom November 2025, die Projektseite und die Gemeinsame Erklärung vom 19.02.2026 nennen keine Projektverschiebung. Was LEAG sagt: Die gesamte deutsche Speicher-Pipeline stehe regulatorisch unter Druck, wenn der Vertrauensschutz fällt. Wer die LEAG-Position liest, sollte zwischen verifizierter Pipeline und der breiteren regulatorischen Warnung trennen — die Verknüpfung "Pipeline verzögert wegen Netzentgelte" stammt nicht aus LEAG-Primärquellen.
Der politische Kontext: Ostdeutschland und der Südbonus
Am 22. April 2026 kommentierte LEAG-CEO Adi Rösch in einer LEAG-Pressemitteilung zum Strom-VKG zusätzlich die Zukunftskraftwerke-Ausschreibung mit einer regionalpolitischen Spitze: Zwei Drittel der Kapazitäten sollen über einen "Südbonus" für Süddeutschland reserviert werden. Rösch dazu wörtlich: "Die Energiewende darf nicht an Postleitzahlen scheitern."
Das Statement bezieht sich nicht direkt auf die GigaBatteries, zeigt aber das politische Umfeld der Lausitzer Pipeline — Strukturwandel-Auftrag plus regulatorische Verteilungsdebatte. Mehr zur regulatorischen Großwetterlage im Risiken-Hub.
Strukturwandel als Geschäftsmodell-Anker
Die GigaBatteries Boxberg und Jänschwalde sind nicht nur Speicherprojekte, sondern Teil der LEAG-"GigawattFactory" — der strategischen Umwandlung der ehemaligen Braunkohle-Standorte in EE-Erzeugungs- und Speichercluster. EU-Just-Transition-Fund-Mittel fließen genau in diesen Pfad. Wer die Lausitzer Pipeline politisch kippt, kippt damit auch den deutschen Vorzeige-Case für post-Kohle-Industriestandorte.
Einordnung für Investoren
Für IAB- und Gewerbespeicher-Investoren ist die LEAG-Pipeline aus drei Gründen relevant: Erstens validiert sie den Vier-Stunden-Trend bei Großspeichern — Arbitrage über mehrstündige Preisspreads wird zur Standard-Vermarktung. Zweitens zeigt die Gemeinsame Erklärung, dass selbst Konzerne mit eigener Bilanzfinanzierung das Netzentgelt-Risiko als systemkritisch einstufen — wer kleinere Speicher fremdfinanziert, sollte den Vertrauensschutz im Auge behalten. Drittens schiebt die Pipeline-Größe Druck auf Zelllieferketten und EPC-Markt.
Die aktuellen Marktdaten und Zubau-Zahlen zeigen großvolumige Pipeline-Ankündigungen quer durch die Versorger-Landschaft. LEAG ist mit 1,4 GW Teil dieses Musters — und gleichzeitig der lauteste Mahner gegen einen regulatorischen Rückzieher. Die nächste Wegmarke ist der Abschluss des BNetzA-AgNes-Verfahrens.
