Am 31. August 2026 hat die Bundesnetzagentur die Konsultation zum Szenariorahmen für den Netzentwicklungsplan Strom 2040/2045 eröffnet. Der Szenariorahmen ist die Rechengrundlage, auf der die vier Übertragungsnetzbetreiber das Stromnetz der kommenden Jahrzehnte planen. Im neuen Entwurf setzen sie für Großbatteriespeicher 84 bis knapp 103 Gigawatt an – mehr als im geltenden Rahmen von 2025, über den wir im April berichtet haben.
Bemerkenswerter als die Zahl ist ein Absatz im selben Dokument: Die Netzbetreiber beschreiben die heutigen Erlöse von Großspeichern als attraktiv – und warnen, dass schon mittelfristig Marktsättigung und Kannibalisierung drohen. Die Auktionsdaten der Regelleistung zeigen, dass dieser Effekt nicht erst in der Zukunft liegt.
Was die Netzbetreiber annehmen
| Szenario | Leistung | Speicherkapazität |
|---|---|---|
| Referenzjahr 2025 | 2,7 GW | 4,1 GWh |
| Pfad A (2040 und 2045) | 84,1 GW | 168,2 GWh |
| Pfade B und C (2040) | 102,4 GW | 204,8 GWh |
| Pfade B und C (2045) | 102,9 GW | 205,8 GWh |
| Zum Vergleich: genehmigter Szenariorahmen 2025, Pfade A, B, C (2037 und 2045) | 41,1 / 67,6 / 94,1 GW | – |
Großbatteriespeicher. Heim- und Gewerbespeicher führen die Netzbetreiber getrennt als Kleinbatteriespeicher.
Berücksichtigt sind in allen Pfaden Projekte ab dem Status „fortgeschrittene Planung“, einschließlich erteilter Netzanschlusszusagen. In den Pfaden B und C kommen Projekte im Status „Planung“ mit einem Faktor von 15 Prozent hinzu. Das sind nach Angabe der Netzbetreiber knapp 20 GW zusätzliche Anschlussleistung, mit denen sie mögliche Zuschläge im Reifegradverfahren abbilden. Die Speicherkapazitäten leiten sie ausdrücklich nicht allein aus den Anschlussanfragen ab, sondern so, dass sie in die Strommarktmodellierung passen.
Ein Szenariorahmen ist keine Prognose, wie viele Speicher tatsächlich gebaut werden, sondern eine Planungsannahme für den Netzausbau. Er zeigt aber, mit welcher Größenordnung die Netzbetreiber selbst rechnen.
Die Warnung im eigenen Dokument
Im Abschnitt zu Großbatteriespeichern beschreiben die Netzbetreiber zunächst die Gegenwart: Für Betreiber gebe es derzeit attraktive Erlösmöglichkeiten in verschiedenen Märkten, teils mit sehr kurzen Amortisationszeiten. Dazu trage auch die heutige Netzentgeltbefreiung bei. Schon mittelfristig bestehe aber erhebliche Unsicherheit über Marktentwicklung und Wirtschaftlichkeit, und zwar infolge „erwarteter Marktsättigungen und zunehmender Kannibalisierungseffekte“, wenn viele Großspeicher zur selben Zeit in den Markt eintreten (S. 42).
An anderer Stelle werden sie deutlicher: Mit dem weiteren Ausbau sei davon auszugehen, dass Kannibalisierungseffekte in den verschiedenen Marktsegmenten die erzielbaren Erlöse senken und den weiteren Zubau ab einem gewissen Punkt wirtschaftlich unattraktiver machen (S. 109).
Warum der Szenariorahmen auch für Anschlüsse zählen kann
Nach dem Netzanschlusspaket der Bundesregierung dürfen die Übertragungsnetzbetreiber Anschlussanfragen künftig unter anderem nach den Annahmen des genehmigten Szenariorahmens priorisieren. Die Planungszahlen könnten damit mitbestimmen, welche Speicherprojekte zuerst angeschlossen werden. Der Gesetzentwurf ist noch nicht beschlossen.
Am Regelleistungsmarkt ist die Sättigung schon messbar
Die Sekundärregelleistung (aFRR) war für viele Großspeicher bislang die wichtigste Erlösquelle: Der Speicher hält Leistung bereit und wird dafür bezahlt, auch wenn sie nicht abgerufen wird. Die Ausschreibungsergebnisse auf regelleistung.net zeigen, wie sich dieser Markt verändert hat:
| Monat | Leistungspreis aFRR positiv (Mittel) | angebotene Leistung je Produkt | bezuschlagte Leistung je Produkt |
|---|---|---|---|
| August 2025 | 14,40 €/MW/h | 4.189 MW | 1.942 MW |
| Juli 2026 | 10,68 €/MW/h | 4.736 MW | 1.961 MW |
| August 2026 | 7,37 €/MW/h | 4.848 MW | 1.978 MW |
Mittelwert der mittleren Zuschlagspreise aller 186 positiven Vier-Stunden-Produkte des Monats (sechs je Tag). Eigene Auswertung, abgerufen am 16.09.2026.
Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist der mittlere Leistungspreis damit fast auf die Hälfte gefallen. Angeboten wurde im August 2026 rund 16 Prozent mehr Leistung als ein Jahr zuvor, bezuschlagt wurde nahezu dieselbe Menge. Mehr Anbieter konkurrieren also um einen Bedarf, der kaum wächst. Welcher Anteil des zusätzlichen Angebots von Batteriespeichern stammt, weisen die Daten nicht aus.
Das Analysehaus Modo Energy kommt zum gleichen Bild. Sein Benchmark für einen theoretischen 2-Stunden-Speicher ohne Netzbeschränkungen sank im August 2026 auf 191.000 Euro je MW im Jahr, 7 Prozent unter Juli und 15 Prozent unter August 2025. Der Anteil der aFRR-Leistung an diesen Erlösen fiel laut Modo von 88 Prozent auf etwa die Hälfte, der Handel am Day-Ahead- und Intraday-Markt lieferte 31 statt 7 Prozent. Die Day-Ahead-Spreads lagen dabei 35 Prozent über dem Vorjahr. Den Rückgang gegenüber dem Vorjahr führt Modo auf die gewachsene Konkurrenz durch Batterien in der aFRR zurück und spricht von ersten klaren Anzeichen einer Sättigung. Der Benchmark misst, was ein Speicher hätte verdienen können – nicht, was reale Anlagen verdient haben.
Was das für Anleger heißt
Ob sich ein Speicherinvestment lohnt, lässt sich daraus nicht ablesen. Wohl aber, worauf eine Erlösprognose Antworten geben sollte:
- Mit welchen Preisen für Regelleistung rechnet die Prognose? Annahmen auf dem Niveau von 2025 liegen deutlich über dem, was die Auktionen im August 2026 ergeben haben.
- Wie verteilen sich die Erlöse? Je größer der Anteil der Regelleistung, desto stärker trifft ein weiterer Preisrückgang. Mehr Handel am Strommarkt macht das Ergebnis stärker von der Qualität der Vermarktung abhängig.
- Rechnet die Prognose mit sinkenden Erlösen? Die Netzbetreiber halten Kannibalisierung für wahrscheinlich. Eine Prognose, die heutige Erlöse über die gesamte Laufzeit fortschreibt, sollte das begründen.
- Hängt die Rechnung an der Netzentgeltbefreiung? Die Netzbetreiber nennen sie als einen Grund für die heutige Attraktivität. Für neue Projekte hängt sie an den Fristen aus dem AgNes-Festlegungsentwurf.
Wie sich Renditeaussagen in Angeboten einordnen lassen, zeigt unser Prüfschema für Renditeversprechen. Stellungnahmen zum Szenariorahmen nimmt die Bundesnetzagentur bis zum 28. September 2026 entgegen.



